Evidenzbasierte Radverkehrsplanung: Ergebnisse aus dem Reallabor Nußdorferstraße

Wie wirken sich Bodenmarkierungen auf das Überholverhalten gegenüber Radfahrenden aus? Mit dem Forschungsfahrrad von Salzburg Research lässt sich das objektiv messen – und die Ergebnisse aus dem Reallabor Nußdorferstraße zeigen: Gezielte Markierungen, insbesondere breite Mehrzweckstreifen mit schmaler Kernfahrbahn, erhöhen den Überholabstand zwischen Kfz und Radfahrenden.
Seit 2021 setzt Salzburg Research ein speziell entwickeltes Forschungsfahrrad ein, um Interaktionen zwischen Radfahrenden und anderen Verkehrsteilnehmer:innen im öffentlichen Straßenraum zu analysieren. Ziel ist die objektive Erfassung realer Verkehrssituationen, um evidenzbasierte Aussagen zur Sicherheit des Radverkehrs zu ermöglichen.
Ein Schwerpunkt liegt auf der Untersuchung von Überholvorgängen zwischen Kraftfahrzeugen und Fahrrädern. Mithilfe von Algorithmen werden Fahrzeuge in den Messdaten automatisch erkannt und hinsichtlich ihrer Position und Ausdehnung bestimmt. Daraus lassen sich zentrale Kennwerte wie Überholabstände und Geschwindigkeitsdifferenzen zwischen Kraftfahrzeug und Fahrrad ableiten. Diese ermöglichen eine objektive Bewertung der Sicherheit unterschiedlicher Formen der Radverkehrsführung.
Die Methodik wurde bereits in mehreren Forschungsprojekten angewandt: im Projekt RADBEST, das Lösungen für sichere Radverkehrsführung an Engstellen in den DACH-Ländern erprobte, im Reallabor Nußdorferstraße in Salzburg sowie im Projekt MZSFreiland, das Mehrzweckstreifen mit schmaler Kernfahrbahn auf österreichischen Freilandstraßen untersucht.
Reallabor Nußdorferstraße
Der Aufbau des Reallabors Nußdorferstraße sowie die Zielsetzung der Teststellung wurden bereits in einem früheren Beitrag ausführlich beschrieben: Wie Markierungen das Überholverhalten beeinflussen: Pilotprojekte in Salzburg. Darin wird erläutert, wie unterschiedliche Bodenmarkierungen auf der Nußdorferstraße eingesetzt wurden, um das Überholverhalten von Kraftfahrzeugen gegenüber Radfahrenden zu untersuchen und Maßnahmen für mehr Verkehrssicherheit zu erproben.
Im zweiten Halbjahr 2025 wurden im Reallabor Nußdorferstraße zwei Varianten von Bodenmarkierungen getestet. Untersucht wurde, wie sich zwei Meter breite Mehrzweckstreifen mit schmaler Kernfahrbahn sowie große Sharrows auf das Überholverhalten von Kraftfahrzeugen auswirken.




Zur Analyse der Überholabstände führte Salzburg Research im Auftrag des Mobilitätslabors zukunftswege.at Messfahrten mit dem Forschungsfahrrad durch. Diese fanden in zwei Phasen im Juni sowie im September und Oktober 2025 statt. Ergänzend wurde eine Online Feedback Möglichkeit eingerichtet, um subjektive Wahrnehmungen der Verkehrsteilnehmer:innen zu erfassen. Die Rückmeldungen der ersten Phase zeigten, dass einige Kfz-Lenker:innen durch die neuen Markierungen verunsichert waren. Für die zweite Phase wurden daher zusätzliche Hinweisschilder zum richtigen Überholverhalten installiert.
Entwicklung der Überholabstände und Geschwindigkeiten
Insgesamt wurden entlang der Nußdorferstraße 356 Überholvorgänge erfasst. In der zweiten Erhebungsphase lag der mediane Überholabstand im Abschnitt mit breitem Mehrzweckstreifen und enger Kernfahrbahn bei 1,12 Metern, im Abschnitt mit großen Sharrows bei 1,05 Metern. Damit erhöhte sich der Überholabstand in beiden Varianten im Vergleich zur ersten Erhebungsphase. Bei Überholgeschwindigkeiten von über 30 km/h wurde der gesetzlich vorgeschriebene Mindestabstand von 1,50 Metern jedoch weiterhin nicht erreicht.
Der Gegenverkehr stellt einen maßgeblichen Einflussfaktor auf den Überholabstand dar. Positiv hervorzuheben ist, dass nachweislich ein Teil der Kraftfahrzeuge den Überholvorgang verzögert und hinter Radfahrenden verbleibt, bis die Verkehrssituation im Gegenverkehr ein Überholen zulässt.
Auch die auf der Nußdorferstraße eingeführte Geschwindigkeitsbeschränkung von 30 km/h trägt zur Erhöhung der Verkehrssicherheit bei. Im Abschnitt mit breiten Mehrzweckstreifen wurden niedrigere Geschwindigkeiten gemessen als im Abschnitt mit den großen Sharrows. Während der Überholvorgänge selbst waren die Geschwindigkeiten in beiden Abschnitten ähnlich, ebenso die Geschwindigkeitsdifferenzen zwischen Kfz und Fahrrad. Daraus lässt sich ein gewisses Maß an Rücksichtnahme der Kfz-Lenker:innen beim Überholen ableiten.
Rückmeldungen der Verkehrteilnehmer:innen
Insgesamt gingen 442 Rückmeldungen zum Test der Bodenmarkierungen ein. 60 Prozent der Radfahrer:innen fühlten sich im Abschnitt mit breiten Mehrzweckstreifen sicherer als zuvor, im Abschnitt mit den großen Sharrows waren es 53 Prozent. Rund ein Viertel der Radfahrer:innen gab an, sich nicht sicherer zu fühlen.
Der Anteil jener Radfahrer:innen, die sich sicher oder sehr sicher fühlten, ist beim breiten Mehrzweckstreifen höher. Hier lag er bei 40 Prozent, im Abschnitt mit den großen Sharrows bei 30 Prozent. Unter den Kfz-Lenker:innen wurden die Markierungen jeweils etwa zur Hälfte als klar beziehungsweise unklar wahrgenommen, wobei der breite Mehrzweckstreifen für ein Drittel der Kfz-Lenker:innen sehr unklar ist.
Handlungsempfehlungen für die weitere Umsetzung
Die gesamten Ergebnisse wurden von con.sens mobilitätsdesign evaluiert und daraus Handlungsempfehlungen abgeleitet. Beide Markierungsvarianten haben sich grundsätzlich als sinnvoll erwiesen. Die Variante mit breiten Mehrzweckstreifen und schmaler Kernfahrbahn zeigt eine stärkere Wirkung auf den Überholabstand und wird von einer größeren Anzahl an Radfahrenden als sicher wahrgenommen. Dafür ist diese Markierungslösung für Kfz-Lenkende weniger intuitiv. Die großen Sharrows geben den Radfahrenden etwas weniger an subjektiver Sicherheit, dafür sind sie in Streckenabschnitten mit zahlreichen Ampeln und /oder Kreisverkehren einfacher umzusetzen.
Für die Nußdorferstraße wird empfohlen, künftig auf der gesamten Länge breite Mehrzweckstreifen mit schmaler Kernfahrbahn umzusetzen. Der bestehende Abschnitt bleibt unverändert, während im zweiten Abschnitt die großen Sharrows durch breite Mehrzweckstreifen ersetzt werden sollen.
Die Ergebnisse zeigen, wie mithilfe des Forschungsfahrrads wissenschaftliche Erkenntnisse in eine evidenzbasierte Planung und Bewertung von Radinfrastruktur übergeführt und somit belastbare Entscheidungsgrundlagen für Städte und Gemeinden geschaffen werden. Dadurch können gezielt Schwachstellen in der Radinfrastruktur behoben werden. Dies trägt zur Erhöhung der wahrgenommenen Sicherheit und zur nachhaltigen Förderung des Radverkehrs bei.
Hintergrundinformationen zum Projekt
Das Reallabor Nußdorferstraße wurde vom Mobilitätslabor zukunftswege.at gemeinsam mit der Salzburg Research Forschungsgesellschaft und con.sens mobilitätsdesign im Auftrag der Stadt Salzburg im Jahr 2025 umgesetzt.
www.zukunftswege.at/teststrecke/
Kontakte für Rückfragen:
Salzburg Research, Cornelia Zankl, cornelia.zankl@salzburgresearch.at
Beteiligte Radkompetenz Mitglieder:
con.sens mobilitätsdesign, Salzburg Research
Mehr von den Radkompetenz-Mitgliedern in diesem Artikel:
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Evidenzbasierte Radverkehrsplanung: Ergebnisse aus dem Reallabor Nußdorferstraße
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Wie wirken sich Bodenmarkierungen auf das Überholverhalten gegenüber Radfahrenden aus? Mit dem Forschungsfahrrad von Salzburg Research lässt sich das objektiv messen – und die Ergebnisse aus dem Reallabor Nußdorferstraße zeigen: Gezielte Markierungen, insbesondere breite Mehrzweckstreifen mit schmaler Kernfahrbahn, erhöhen den Überholabstand zwischen Kfz und Radfahrenden.
Seit 2021 setzt Salzburg Research ein speziell entwickeltes Forschungsfahrrad ein, um Interaktionen zwischen Radfahrenden und anderen Verkehrsteilnehmer:innen im öffentlichen Straßenraum zu analysieren. Ziel ist die objektive Erfassung realer Verkehrssituationen, um evidenzbasierte Aussagen zur Sicherheit des Radverkehrs zu ermöglichen.
Ein Schwerpunkt liegt auf der Untersuchung von Überholvorgängen zwischen Kraftfahrzeugen und Fahrrädern. Mithilfe von Algorithmen werden Fahrzeuge in den Messdaten automatisch erkannt und hinsichtlich ihrer Position und Ausdehnung bestimmt. Daraus lassen sich zentrale Kennwerte wie Überholabstände und Geschwindigkeitsdifferenzen zwischen Kraftfahrzeug und Fahrrad ableiten. Diese ermöglichen eine objektive Bewertung der Sicherheit unterschiedlicher Formen der Radverkehrsführung.
Die Methodik wurde bereits in mehreren Forschungsprojekten angewandt: im Projekt RADBEST, das Lösungen für sichere Radverkehrsführung an Engstellen in den DACH-Ländern erprobte, im Reallabor Nußdorferstraße in Salzburg sowie im Projekt MZSFreiland, das Mehrzweckstreifen mit schmaler Kernfahrbahn auf österreichischen Freilandstraßen untersucht.
Reallabor Nußdorferstraße
Der Aufbau des Reallabors Nußdorferstraße sowie die Zielsetzung der Teststellung wurden bereits in einem früheren Beitrag ausführlich beschrieben: Wie Markierungen das Überholverhalten beeinflussen: Pilotprojekte in Salzburg. Darin wird erläutert, wie unterschiedliche Bodenmarkierungen auf der Nußdorferstraße eingesetzt wurden, um das Überholverhalten von Kraftfahrzeugen gegenüber Radfahrenden zu untersuchen und Maßnahmen für mehr Verkehrssicherheit zu erproben.
Im zweiten Halbjahr 2025 wurden im Reallabor Nußdorferstraße zwei Varianten von Bodenmarkierungen getestet. Untersucht wurde, wie sich zwei Meter breite Mehrzweckstreifen mit schmaler Kernfahrbahn sowie große Sharrows auf das Überholverhalten von Kraftfahrzeugen auswirken.




Zur Analyse der Überholabstände führte Salzburg Research im Auftrag des Mobilitätslabors zukunftswege.at Messfahrten mit dem Forschungsfahrrad durch. Diese fanden in zwei Phasen im Juni sowie im September und Oktober 2025 statt. Ergänzend wurde eine Online Feedback Möglichkeit eingerichtet, um subjektive Wahrnehmungen der Verkehrsteilnehmer:innen zu erfassen. Die Rückmeldungen der ersten Phase zeigten, dass einige Kfz-Lenker:innen durch die neuen Markierungen verunsichert waren. Für die zweite Phase wurden daher zusätzliche Hinweisschilder zum richtigen Überholverhalten installiert.
Entwicklung der Überholabstände und Geschwindigkeiten
Insgesamt wurden entlang der Nußdorferstraße 356 Überholvorgänge erfasst. In der zweiten Erhebungsphase lag der mediane Überholabstand im Abschnitt mit breitem Mehrzweckstreifen und enger Kernfahrbahn bei 1,12 Metern, im Abschnitt mit großen Sharrows bei 1,05 Metern. Damit erhöhte sich der Überholabstand in beiden Varianten im Vergleich zur ersten Erhebungsphase. Bei Überholgeschwindigkeiten von über 30 km/h wurde der gesetzlich vorgeschriebene Mindestabstand von 1,50 Metern jedoch weiterhin nicht erreicht.
Der Gegenverkehr stellt einen maßgeblichen Einflussfaktor auf den Überholabstand dar. Positiv hervorzuheben ist, dass nachweislich ein Teil der Kraftfahrzeuge den Überholvorgang verzögert und hinter Radfahrenden verbleibt, bis die Verkehrssituation im Gegenverkehr ein Überholen zulässt.
Auch die auf der Nußdorferstraße eingeführte Geschwindigkeitsbeschränkung von 30 km/h trägt zur Erhöhung der Verkehrssicherheit bei. Im Abschnitt mit breiten Mehrzweckstreifen wurden niedrigere Geschwindigkeiten gemessen als im Abschnitt mit den großen Sharrows. Während der Überholvorgänge selbst waren die Geschwindigkeiten in beiden Abschnitten ähnlich, ebenso die Geschwindigkeitsdifferenzen zwischen Kfz und Fahrrad. Daraus lässt sich ein gewisses Maß an Rücksichtnahme der Kfz-Lenker:innen beim Überholen ableiten.
Rückmeldungen der Verkehrteilnehmer:innen
Insgesamt gingen 442 Rückmeldungen zum Test der Bodenmarkierungen ein. 60 Prozent der Radfahrer:innen fühlten sich im Abschnitt mit breiten Mehrzweckstreifen sicherer als zuvor, im Abschnitt mit den großen Sharrows waren es 53 Prozent. Rund ein Viertel der Radfahrer:innen gab an, sich nicht sicherer zu fühlen.
Der Anteil jener Radfahrer:innen, die sich sicher oder sehr sicher fühlten, ist beim breiten Mehrzweckstreifen höher. Hier lag er bei 40 Prozent, im Abschnitt mit den großen Sharrows bei 30 Prozent. Unter den Kfz-Lenker:innen wurden die Markierungen jeweils etwa zur Hälfte als klar beziehungsweise unklar wahrgenommen, wobei der breite Mehrzweckstreifen für ein Drittel der Kfz-Lenker:innen sehr unklar ist.
Handlungsempfehlungen für die weitere Umsetzung
Die gesamten Ergebnisse wurden von con.sens mobilitätsdesign evaluiert und daraus Handlungsempfehlungen abgeleitet. Beide Markierungsvarianten haben sich grundsätzlich als sinnvoll erwiesen. Die Variante mit breiten Mehrzweckstreifen und schmaler Kernfahrbahn zeigt eine stärkere Wirkung auf den Überholabstand und wird von einer größeren Anzahl an Radfahrenden als sicher wahrgenommen. Dafür ist diese Markierungslösung für Kfz-Lenkende weniger intuitiv. Die großen Sharrows geben den Radfahrenden etwas weniger an subjektiver Sicherheit, dafür sind sie in Streckenabschnitten mit zahlreichen Ampeln und /oder Kreisverkehren einfacher umzusetzen.
Für die Nußdorferstraße wird empfohlen, künftig auf der gesamten Länge breite Mehrzweckstreifen mit schmaler Kernfahrbahn umzusetzen. Der bestehende Abschnitt bleibt unverändert, während im zweiten Abschnitt die großen Sharrows durch breite Mehrzweckstreifen ersetzt werden sollen.
Die Ergebnisse zeigen, wie mithilfe des Forschungsfahrrads wissenschaftliche Erkenntnisse in eine evidenzbasierte Planung und Bewertung von Radinfrastruktur übergeführt und somit belastbare Entscheidungsgrundlagen für Städte und Gemeinden geschaffen werden. Dadurch können gezielt Schwachstellen in der Radinfrastruktur behoben werden. Dies trägt zur Erhöhung der wahrgenommenen Sicherheit und zur nachhaltigen Förderung des Radverkehrs bei.
Hintergrundinformationen zum Projekt
Das Reallabor Nußdorferstraße wurde vom Mobilitätslabor zukunftswege.at gemeinsam mit der Salzburg Research Forschungsgesellschaft und con.sens mobilitätsdesign im Auftrag der Stadt Salzburg im Jahr 2025 umgesetzt.
www.zukunftswege.at/teststrecke/
Kontakte für Rückfragen:
Salzburg Research, Cornelia Zankl, cornelia.zankl@salzburgresearch.at
Beteiligte Radkompetenz Mitglieder:
con.sens mobilitätsdesign, Salzburg Research
Mehr von den Radkompetenz-Mitgliedern in diesem Artikel:
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